MENÜ
Gedanken zur Malerei von Andreas Thieme
Sinnlich und lebendig leuchten die Malereien ins offene Auge. Ein jedes Bild strahlt in besonderer Logik der Farben und Formen. Phantasievoll, saftig, satt und schwelgend, raffiniert, nobel- eine Prise Witz ist eingestreut. Wohl dosiert fügen sich gemeinschaftlich Flächen und Linien - groß, klein, warm, kühl, laut und leise ... Alle Kontraste halten zugleich sicher, frei und beweglich ihren zugewiesenen Ort. Die Bildspannungen sind hoch, nicht überstrapaziert und ermöglichen dem Betrachter angenehme Beobachtungen eines jeden Ga.nzen. Der Maler hält ebenso Maß in den Andeutungen konkreter Formen, die thematische Assoziationen zulassen. Begegnungen zwischen Mensch, Landschaft, Tier und Stillleben zeigen und entziehen sich. Verschiedene Räume fügen sich im Innen und Außen. Allzu viele erklärende Worte zerreiben die Geflechte. Gedankenwege in Bilder vergangener Jahrhunderte werden aufgerufen. Barocke Opulenz blitzt auf. Unangestrengt präsentiert sich die Klaviatur der Mittel. Geschwindigkeit, Beschleunigung, Innehalten, die Schwingungen der Entstehung sind zu erahnen. Variante Ausdehnungen der Flächen, Temperaturen und Massen der sichtbaren Materie transportieren die Energien. Der Maler nutzt in Gesprächen zu seiner Arbeit die von W. Worringer ins Spiel gebrachten Formulierungen vom objektivierten Selbstgenuss. Es ist die Rede von Einfühlung in einen sinnlichen Gegenstand und bedeutet: inneres Arbeiten, Kraft, Vollbringen, Streben und Wollen, sich in Bewegung befinden. Lustgefühle werden erarbeitet, erfüllen sich während des Machens und im Bild, welches am Ende des Prozesses die Qualitätsprobe bestehen muss und erst dann freigelassen wird. Der Rezipient nährt sich seinerseits vom Resultat. In glücklichen Konstellationen treffen sich Produzent und Betrachter im Kern des Sichtbaren und schöpfen Genuss, Gewinn, Einsicht, Fragen und Impulse für Geist und Seele. (1)

(1) vgl. dazu W. Worringer, Abstraktion und Einfühlung, Ein Beitrag zur Stilpsychologie, Leipzig und Weimar,1881, S.6f.

Die komplexen Wegstrecken der Entstehung der Bilder bleiben dem Betrachter jedoch weitestgehend verborgen. Einzelne Partien der Oberflächen erzählen noch vom Darunterliegenden, bereichern durch die sichtbare Vielschichtigkeit das Gefüge, lassen der Phantasie Raum. Alle Bilderfindungen speisen sich aus den Materialien, die dem Künstler seit mehr als dreißig Jahren tägliches Werkzeug sind. Das Malen betreibt Andreas Thieme im ursprünglichen Wortsinn. Es wird etwas verzeichnet, in Farbe gerieben, dargestellt. Fleck und Zeichen sind die Grundkomponenten des Tuns. (2)

2) vgl. dazu die Ausführungen zu den Worten -malen-und -Malerei- im Herkunftswörterbuch, Mannheim, 2001, S.503

Der handwerkliche Prozess der Ölmalerei auf Leinwand folgt traditionellen Regeln, welche auch durch temperamentvollen und unkonventionellen Umgang mit den Utensilien im Grunde nie verletzt werden. Neuere technische Medien und Hilfsmittel benötigt der Maler nicht. Oft genügen kleinformatige Ideenskizzen, um den entscheidenden Impuls für erste Form-und Farbideen zu setzen. Danach gibt es kein Anhalten mehr, nur ein ab und an Innehalten. Frühzeitig bahnten sich im Kind alle Eindrücke ihren eigenen kräftigen Weg. Anfänglich wurde Kunst über Bücher und einfache Abbildungen erfahren. Seit der Jugendzeit und bis heute dauert die Zwiesprache mit den Originalen an und wenn es innerlich brennt, scheut der leidenschaftliche Maler und Autofahrer nicht, kurzentschlossen auch weiter entfernte Galerien zu besuchen, um z. B. einen speziellen Velasquez unbedingt ins Visier zu nehmen. Die Bestandsaufnahmen und das Filtern erfolgt hochachtungsvoll kritisch oder spielerisch, mitunter adaptierend. Aus der Vergangenheit sind dem Betrachter vielleicht die Variationen zum Ehepaar Arnolfini bekannt. (3)

(3) gemeint ist die Malerei von Jan van Eyck, Giovanni Arnolfini und seine Frau (sog. Arnolfini Hochzeit), Öl auf Eichenholz, 82,2x 60 cm,1434, London, National Gallery, welche A. Thieme mehrfach interpretierte

Leben und Werk von G. Morandi, E. Delacroix, Th. Rosenhauer, E. Pukall, F. Bacon, um nur einige der für A. Thieme wichtigen Künstler zu nennen, hinterließen nachhaltig Spuren. Wie er selbst sagt, blitzten auch van Gogh und Rembrandt frühzeitig in sein Hirn. (4)

(4) Bemerkung aus einer Äußerung des Künstlers im Gespräch mit der Verfasserin vom 26.09.2013 im Atelier des Künstlers

Besessenheit, Ernsthaftigkeit im Tun, grundlegende Regeln des Gestaltens, Selbstironie, Heiterkeit, Pfeffer und Witz fielen auf fruchtbaren Boden. A. Thieme ist der Arbeiterstadt Zwickau geboren und aufgewachsen. Sein Vater schuftete nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft in der Steinkohle. Der Weg des Sohnes führte in der Freizeit zunächst über den Leistungssport, um später die bildende Kunst immer stärker als Ausdrucksmöglichkeit und Zeichen einer individuellen Betätigung und verinnerlichten Erkenntnisgewinnung zu sehen. Der Drang zur Reise ins Ungewisse war stärker, als das Bahnen ziehen im Wasser. Bodenständigkeit und Willensstärke, zu Hause erlebt, wurde ins neue Feld mitgenommen. Fortan wird im Schaffen nach bestem Wissen und Gewissen ausgewählt und entschieden, verworfen und bestätigt, wie und was bildfähig ist. Das war und ist der unspektakuläre Arbeitsalltag. Es entstehen Einmaligkeit und Vielfalt, lebendig pulsierende Ordnungen, die sich im Bildgeviert auf immer neue Weise entfalten. Die Quellen sprudeln. Die Konstitution des umfangreichen Werks von Andreas Thieme ist kontinuierlich gewachsen. Waren es in den Jahren des Studiums vorrangig ruhende Bildkonstruktionen in eher dunkler, zurückgenommener Farbigkeit, so aktivierte sich rasch folgend die Palette in Richtung höherer Kontraste. Ideen, Bildszenen, Bewegungen und Räume entfalteten sich zu knappen, eindrücklichen Erzählungen. Bildtitel wie „Wanderer in blauer Landschaft" und „Eine Alte im roten Korbstuhl" zeugen von Nachdenklichkeit, Einsamkeit, Wertschätzung des Menschen, Liebe zur Landschaft. Es sind Bilder, die nicht altmodisch werden. In ihrer Emotionalität und malerischen Vergeistigung zeigen sie das uns Umgebende. Die Verdichtungen leben von wiederkehrenden variierten Elementen. Mensch, Tier, Baum, Weg, Fenster, Stuhl sind einige der Vokabeln. Neueste Arbeiten zeigen weitergehende Abstraktionen der Formen und Kompositionen. Phantasiereich kombinierte Flächen lassen Farbbildräume mit ganz eigenen Welten entstehen. Erzählerisch und gleichzeitig verschwiegen kommen sie daher, wie die Bildtitel, die sich im Kern nicht öffnen lassen und rasch wieder zur Palette zurückführen. Es sind furios und raffiniert vorgetragene Musikstücke auf Leinwand mit wunderbar spielerisch eingesetztem Kalkül. Mehrere dutzend Farbtöne erklingen im Bild, niemals bunt gewürfelt sondern geschickt dosiert, vernetzt aber nicht verzurrt. Bei aller Belebtheit bleiben auch die Maße der neueren Malereien wie ihr Inneres gut proportioniert. Dem Betrachter ist es möglich, auf den ersten Blick einen Eindruck des Ganzen zu erlangen, um in Vertiefung die Fülle zu sehen. Hoffnung auf versteckt lesbare Botschaften, Anklagen oder Ideologien werden nicht erfüllt. Keine Sucht nach Innovation ist in Sicht. Verweilen und Bleiben in den Bildern sind möglich, der Verstand und die Seele können sich auf den Weg machen. Man mag sich an Äußerungen von H. Matisse aus dem Jahr 1908 erinnern, als er davon sprach, eine Kunst der Reinheit und des Gleichgewichts anzustreben, ohne sich aufdrängende Gegenstände. (5)

(5) vgl. dazu die Aussagen von H. Matisse, die er 1908 hinsichtlich der beabsichtigten Wirkung seiner Bilder formulierte und in späteren Gesprächen wieder aufgriff, zit. In H. Matisse, Über Kunst, Zürich, 1982, S.123

In Zeiten rasant flutender Bilder ist ein einzelnes Bild von stabiler Gestalt, mit definiertem Oben und Unten, Rechts und Links, vor welchem auch der Betrachter in ruhender Position verweilen kann, bedeutender denn je. Der zunehmenden Verhäßlichung der Welt ist nicht zu entfliehen, nur zeitweises Abstand nehmen ist möglich. Das besinnende Sehen können rückt immer bedeutsam nach vorn. Die Bilder von Andreas Thieme bieten dazu Gelegenheit. So, wie das Werk in der notwendigen Abgeschiedenheit entstanden ist, zeigt es sich unverwechselbar reichhaltig, eigenständig und eigensinnig, abseits aller Trends und Hitlisten.
(Petra Resch, 2013)